«À ceux qui osent!»
Lenzbourg, 06.11.2026 — Discours de Martin Pfister, conseiller fédéral et chef du Département fédéral de la défense, de la protection de la population et des sports (DDPS), à l’occasion de l’inauguration de l’exposition «La sécurité. Un risque?» au Stapferhaus. Lenzbourg, vendredi 6 novembre 2026.
Seule la version orale fait foi
Sehr geehrter Herr Regierungsrat (Jean-Pierre Gallati)
Sehr geehrte Frau Stiftungspräsidentin (Katija Gentinetta)
Sehr geehrter Herr Stadtammann (Andreas Schmid)
Werte Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft
Sehr geehrte Ausstellungsmacherinnen und Ausstellungsmacher
Sehr geehrte Damen und Herren
Danke für Ihre Einladung. Ich gebe es zu. Sie hat mich leicht verunsichert.
«Sicherheit. Ein Risiko?» lautet der Titel dieser Ausstellung.
Eine spannende, vielleicht sogar etwas provokative Frage. Gerade in einem Land wie der Schweiz, wo Sparen, Planen und Absichern Teil der nationalen DNA ist. Wir sorgen gerne vor und halten das Risiko klein. Die heute Abend anwesenden Vertreterinnen und Vertreter der Versicherungsbranche können das bestimmt bestätigen.
Auch ich bin in dieser Branche tätig.
Als Verteidigungsminister versuche ich, unser Land gegen mögliche Gefahren abzusichern.
Allerdings gibt es einen Unterschied: Bei einer privaten Versicherung entscheidet jeder selbst, welchen Schutz er möchte. Für die Sicherheit unseres Landes müssen wir gemeinsam sorgen.
Meine Kundschaft wünscht sich dabei einen möglichst umfassenden Schutz. Wie wir diesen gewährleisten sollen, darüber gehen die Meinungen jedoch auseinander. Und über die Höhe der Prämie erst recht.
Hinter diesem Vergleich steht eine durchaus ernsthafte Frage: Was dürfen die Bürgerinnen und Bürger vom Staat erwarten, wenn es um ihre Sicherheit geht?
Das Sicherheitsversprechen des Staates
Eine der ältesten und wichtigsten Aufgaben des Staates ist es, seine Bürgerinnen und Bürger zu schützen.
- Vor Gewalt und Willkür.
- Vor äusseren Gefahren.
- Und davor, in einer Notlage auf sich allein gestellt zu sein.
Im Laufe der Zeit sind unsere Erwartungen an die Sicherheit gewachsen. Wir verlassen uns auf sichere Strassen, sauberes Trinkwasser und eine zuverlässige Stromversorgung. Und darauf, dass uns auf dem Heimweg kein Baum auf den Kopf fällt.
Und wenn doch einmal etwas passieren sollte, erwarten wir, dass Hilfe kommt.
Sicherheit gehört zur Schweiz wie die Vielsprachigkeit oder die Demokratie. Wir leben in einem Land, in dem Sicherheit für viele Menschen selbstverständlich geworden ist. Gemäss der jährlichen Studie «Sicherheit» der ETH Zürich fühlen sich mehr als 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung sicher. Das ist bemerkenswert, aber nicht selbstverständlich. Sicherheit beruht auf funktionierenden Institutionen, auf gemeinsamen Regeln und auf Menschen, die Verantwortung übernehmen. Sicherheit ist nicht einfach eine natürliche Ressource. Sie ist etwas, das wir jeden Tag gemeinsam schaffen müssen.
Man könnte übrigens meinen, ein so sicheres Land müsste auch ein besonders tiefen-entspanntes Land sein.
Ist es nicht. Ich habe es am Anfang erwähnt.
Das Schweizer Vollkasko-Paradox
Die Schweiz ist ein Land der Versicherungen. Wir haben Policen für fast alles: für den Laptop, den Hund und sogar für unser Leben. Wir bezahlen Prämien, um uns gegen Schäden abzusichern, von denen wir hoffen, dass sie nie eintreten.
Bei der Sicherheit unseres Landes fällt uns dies dagegen ein bisschen schwerer.
Auch unsere Armee ist eine Art Versicherung. Sie soll uns vor jenem Ernstfall schützen, von dem wir hoffen, dass er uns erspart bleibt. Ihr Nutzen kann sich gerade darin zeigen, dass etwas nicht geschieht. Die Prämie müssen wir aber in jedem Fall bezahlen. Das gehört zu den Eigenheiten einer Versicherung. Auch dies können ihnen die Fachleute im Saal bestätigen.
Das zu vermitteln, ist nicht immer einfach. Denn unser Verhältnis zum Risiko ist widersprüchlich.
Unsere Bereitschaft zur Vorsorge hängt oft weniger von der tatsächlichen Gefahr ab als davon, wie wir sie wahrnehmen.
Viele von uns fürchten sich vor dem Wolf. Wir steigen dagegen selbstverständlich in ein Auto. Dabei ist in diesem Land das Risiko auf der Strasse tödlich zu verunfallen massiv grösser, als jenes von einem Wolf gefressen zu werden. Die Wahrscheinlichkeit in der Schweiz von einem Grossraubtier getötet zu werden, geht gegen Null Komma null.
Wir nehmen Risiken verzerrt wahr. Das betrifft auch Krisen und Kriege. Wenn eine Gefahr weit entfernt scheint, schrumpft unsere Besorgnis.
Und vielleicht gilt das in der Schweiz noch mehr als anderswo: Wir durften lange im Windschatten der Weltgeschichte leben. Vieles, was andere Länder unmittelbar erfahren mussten, blieb uns erspart.
Deshalb nehmen wir neue Bedrohungen zwar zur Kenntnis, unterschätzen aber bisweilen ihre Bedeutung für die Schweiz.
Das politische Geschäft mit der Angst
Verzerrt ist unsere Wahrnehmung gelegentlich auch in die andere Richtung, meine Damen und Herren. Man kann Risiken und Ängste auch aufblasen. Und damit sind wir beim Werkzeugkasten der Politik angelangt.
Viele Menschen machen sich zurzeit berechtigte Sorgen: Um ihren Arbeitsplatz, ihre Gesundheit, ihre Altersvorsorge oder die Zukunft ihrer Kinder. Mit gutem Grund erwarten sie, dass die Politik, diese Sorgen ernst nimmt und nach Lösungen sucht.
Doch mit Sorgen und Ängsten lässt sich auch gut Politik machen. Wer Gefahren dramatisiert und einfache Lösungen verspricht, kann damit Aufmerksamkeit und Zustimmung gewinnen. Die Aufgabe der Politik besteht jedoch darin, Ängste nicht einfach zu bewirtschaften, sondern sie ernst zu nehmen.
Allerdings sind Politikerinnen und Politiker durchaus mit ihren eigenen Ängsten und Sorgen konfrontiert.
Denn das politische Handwerk ist selbst ein Risiko.
Ich habe das als Gesundheitsdirektor des Kantons Zug während der Pandemie erlebt.
Morgens um sieben Uhr sass ich regelmässig als einziger Passagier im Zug nach Bern, wo sich die kantonalen Gesundheitsdirektoren getroffen haben. Das öffentliche Leben stand still. Es war gespenstisch.
Wir mussten Entscheidungen treffen, obwohl wir die Folgen nicht vollständig abschätzen konnten. Doch einfach abzuwarten und nichts tun, war ebenfalls mit Risiken verbunden.
Nicht alle politischen Entscheidung fallen unter derart dramatischen Umständen. Doch selten verfügen wir über alle Informationen. Und noch seltener wissen wir mit Gewissheit, welche Folgen eine Entscheidung haben wird.
Wer entscheidet, kann sich irren. Und gelegentlich scheitern.
Das gehört zum politischen Alltag.
Von Politikerinnen und Politikern erwarten wir aber etwas anderes: Sie sollen uns vor Risiken schützen. Mutig entscheiden. Aber keine Fehler machen.
Das kann dazu verleiten, möglichst wenig zu riskieren. Unbequemen Fragen wortakrobatisch auszuweichen. Und sich so geschmeidig abzusichern, um ja niemandem auf die Füsse zu treten.
Denn der öffentliche Aufschrei kann mittlerweile ziemlich laut werden. Debatten, insbesondere in den sozialen Medien, können rasch eskalieren. Persönliche Beschimpfungen, öffentliche Hetze und Drohungen gehören dabei zum verbal-brachialen Instrumentarium.
Politikerinnen trifft das oft in besonders verletzender Form.
Kompromisse zu suchen, gehört zur Politik. Gerade in der Schweiz. Aber es ist etwas anderes, aus Angst vor Beschimpfungen gar keine Position mehr zu vertreten.
Wer jedes Risiko vermeidet, riskiert am Ende vor allem eines: die Mittelmässigkeit.
Eine lebendige Demokratie braucht Menschen, die unbequeme Fragen stellen und Debatten anstossen. Menschen, die bereit sind, sicheres Terrain zu verlassen und ein Wagnis einzugehen.
Auf jene, die etwas wagen
«Sicherheit. Ein Risiko?»
Meine Damen und Herren, Sie haben dieser Frage eine ganze Ausstellung gewidmet.
Als ich Ihre Einladung erhalten habe, hat mich die Frage verunsichert. Heute bin ich mir sicher: Sicherheit gibt uns Halt. Aber sie sollte uns nicht festhalten. Sie sollte uns vielmehr Mut machen, etwas zu wagen.
Etwas wagen heisst nicht, leichtfertig zu handeln. Ob Unternehmerin, Ausstellungsmacher oder Politiker: Wer Verantwortung trägt, muss sorgfältig abwägen und die möglichen Folgen seines Handelns bedenken.
Aber wer etwas Neues versucht, muss damit leben können - und dürfen - dass etwas nicht gelingt.
Denn eine lebendige Gesellschaft braucht Leute, die etwas wagen.
Erfinderinnen, deren Ideen am Ende nicht funktionieren. Unternehmer, deren Vorhaben scheitern. Verliebte, deren Heiratsanträge abgelehnt werden. Und Politikerinnen und Politiker, die für ein Amt kandidieren und die Wahl allenfalls verlieren.
Ohne sie kämen wir nicht vom Fleck.
Deshalb sollten wir viel öfter nicht nur jene würdigen, denen etwas gelungen ist. Sondern auch jene, die es versucht haben.
Und insbesondere jene, die es morgen wieder versuchen.